Expertenspecial: Stress für Führungskräfte und in der Mitarbeiterführung

Was können Führungskräfte tun, um ein produktives und stressfreies Arbeitsumfeld zu kreieren und zu erhalten?

Hin und wieder fühlt sich wahrscheinlich jeder von uns einmal mit Stress konfrontiert. Hierbei ist es interessant, dass die Ursachen sich oftmals stark von den Auslösern unterscheiden.

Dass Stress sich negativ auf die eigene Verfassung und Produktivität auswirkt, lässt sich vor allem im beruflichen Umfeld gut nachvollziehen. Die psychische Belastung am Arbeitsplatz ist deshalb eine der großen Herausforderungen für eine modere Mitarbeiterführung.

Nach dem die massagio Studie zu Stress am Arbeitsplatz bereits gezeigt hat, dass ein Großteil der Arbeitnehmer zeitweise unter Stress steht, kommen nun einige Experten zu Wort, die sich mit einer weiteren, nicht unwichtigen Gruppe im Berufsleben unterhalten. Diesmal stehen stehen Führungskräfte im Fokus des massagio Expertenspecials.

 

Folgende Fragen haben wir den Experten gestellt:

Das sagen die Experten

Was können Unternehmen machen, um ein positives und stressfreies Umfeld für Führungskräfte zu schaffen?

Sabine Prohaska, Expertin für Mitarbeiterführung

Sabine Prohaska, Wirtschaftspsychologin

Seit über 20 Jahren ist sie als Managementtrainerin und (systemisch lösungsorientierter) Coach für namenhafte Unternehmen vielfältiger Branchen tätig. In ihren Seminaren und Büchern zeigt sie gerne auf, dass es nicht den einen, richtigen Weg gibt – jedoch immer den nächsten Schritt in die richtige Richtung. [seminarconsult.at]

„Psychische Gesundheit ist so ein komplexes Thema, dass ihm Einzelmaßnahmen wie Seminare zum Thema „Stressmanagement“ allein nicht gerecht werden.

Unternehmen brauchen ein integriertes betriebliches Gesundheitsmanagement, das die ganze Bandbreite gesundheitsrelevanter Aspekte anspricht, von der direkten Förderung der Einzelperson bis zur Minimierung von Belastungen durch Rahmenbedingungen.


Jedes Unternehmen ist anders und dadurch sind auch die Stressbelastungen für Führungskräfte unterschiedlich.


Das bedeutet für Unternehmen aber eine Kulturänderung. Gesundheitsförderung sollte eine, fest in den Unternehmensleitlinien verankerte Führungsaufgabe sein. Daraus ergibt sich zum Beispiel, dass die Ausbildung eines gesundheitsorientierten Führungsstils fester Bestandteil des Führungskräftetrainings ist.

Was Unternehmen nun konkret tun können:
  • Evaluation psychischer Belastungsfaktoren: Jedes Unternehmen ist anders und dadurch sind auch die Stressbelastungen für Führungskräfte unterschiedlich
  • Organisation von Sport- und Fitnessangeboten
  • Angebot von Vorsorgeuntersuchungen
  • Konzeption von Ausbildungen, die auch auf das Thema „Gesundheit und Arbeitszufriedenheit“ aufgreifen
  • Angebot von Seminaren zur Stressbewältigung
  • Einrichtung von betrieblichen Anlaufstellen und Beratungsangeboten, die sich um das Wohlergehen der Mitarbeiter kümmern: beispielsweise Multiplikatoren wie „Gesundheitsbeauftragte“ oder „Feel Good Manager“
  • Schaffung eines Unternehmensklimas, in dem auch Führungskräfte sich wertgeschätzt fühlen, Aufgaben und Kompetenzen klar sind und sie echte Handlungsspielräume haben”

Was können Führungskräfte tun, um in ihren Teams eine produktive Atmosphäre zu etablieren?

Gregor Heise, Trainer für Stress bei Arbeitnehmern

Gregor Heise, freier Trainer & systemischer Berater

Mit fast 30 Jahren Erfahrung in verschiedensten Kontexten hat er als Trainer schon unzählige Situationen und Unternehmen erlebt. Dabei ist sein Ziel, stets seinen Kunden zu helfen die eigenen Potenziale zu entdecken, Ressourcen zu erschließen und neue Fertigkeiten zu trainieren. [heisetraining.at]

„Neue Untersuchungen der Psychologie belegen, dass eine positive Stimmung die wichtigste Voraussetzung ist, um produktiv zu sein. Daher kommt es für Führungskräfte darauf an, positive Emotionen zu fördern.

Dies gelingt, wenn der Fokus in der Führung auf Anerkennung und Wertschätzung gelegt wird. Führungskräfte sollten also in erster Linie positives Verhalten ihrer Mitarbeiter anerkennen.


Führungskräfte sollten „Antennen“ entwickeln um Konflikte möglichst frühzeitig zu bemerken.


Erst in zweiter Linie geht es um Kritik. Wenn einmal Kritik notwendig ist, sollte diese auf jeden Fall konstruktiv sein. Konstruktiv ist Kritik dann, wenn sie sich auf konkrete Sachverhalte bezieht und lösungsorientiert ist.

Ein weiterer Erfolgsfaktor für die Teamarbeit ist der konstruktive Umgang mit Konflikten. Konflikte in Teams sind nicht außergewöhnlich. Führungskräfte sollten „Antennen“ entwickeln um Konflikte möglichst frühzeitig zu bemerken. Konflikte zu ignorieren ist nämlich kein guter Rat! Im Gegenteil: Konflikte müssen frühzeitig angesprochen werden.

Je früher das geschieht, desto besser können sie gelöst werden, bevor die Produktivität zu sehr leidet.”

Wie verhindern Führungskräfte, dass langfristiger Stress und hohe Belastungen sich nicht negativ auf ihren Führungsstil auswirken?

Christiana Scholz, Competence Training für Führungskräfte

Christiana Scholz, Unternehmensberaterin

Als Unternehmensberaterin für strategisches Kompetenzmanagement und innovative betriebliche Lernkonzeptionen unterstützt sie verschiedenste Unternehmen. Ihr Fokus liegt dabei auf der Transformation von einer ausschließlich wissensorientierten Personalentwicklung zu einem strategieorientierten Kompetenzmanagement. [competence-generation.com]

Führungskräfte sind besonders gefährdet in eine Stressfalle zu tappen. Sie befinden sich meist in einer „Sandwichposition“. Dort müssen sie zum Einen dem Druck von oben standhalten und zum Anderen den Anforderungen der Teammitglieder gerecht werden.

In Zeiten des stetigen Wandels, im eiskalten Kampf um Marktanteile und vielleicht auch noch in einem harten Kampf um die echten Talente am Arbeitsmarkt, bleibt als Führungskraft leicht die eigene Person im Hintertreffen.

Führungskräfte, die wenig Achtsamkeit in Bezug auf sich selbst ausüben und über wenig Selbstempathie verfügen, finden sich recht rasch in der Stressfalle. Das endet im schlechtesten Fall in einem Burnout.


Kompetenzen lassen sich nämlich nicht durch das Hören von Vorträgen oder das Lesen von Büchern entwickeln, sondern nur beim Handeln selbst.


Gestresste Menschen und damit auch Führungskräfte kommunizieren anders und nehmen ihre Umwelt weniger wahr, was sich unweigerlich negativ auf den praktizierten Führungsstil auswirkt.

Wie entkommt man als Führungskraft nun aber dieser Stressfalle?

Führen bedeutet unter anderem Handeln. Zielgerichtet handeln können aber nur jene, die über die für das Handlungsfeld relevante Kompetenzen verfügen. Der erste und wichtigste Schritt ist es daher, die eigenen Verhaltensweisen im Hinblick auf die gestellten Anforderungen zu reflektieren. So lassen sich eigene Stärken und Entwicklungspotentiale identifizieren.

Darauf basierend müssen individuelle Ziele abgeleitet und Entwicklungsmaßnahmen auf Basis der persönlichen Praxis in einem sozialen und damit bewusst reflexiven und emotionalen Umfeld vereinbart werden.

Kompetenzen lassen sich nämlich nicht durch das Hören von Vorträgen oder das Lesen von Büchern entwickeln, sondern nur beim Handeln selbst.

Woran kann eine Führungskraft erkennen, dass Teammitglieder durch Stress belastet werden?

Reinhard Krechler, Leadership und Strategie Trainer

Reinhard Krechler, Leadership & Strategie Trainer

Mit Beraterkreis.at spezialisiert er sich auf das Training von Führungskräften und hat neben einem Online-Seminar für Führungskräfte, die kein klassisches Seminar besuchen können oder wollen auch ein eBook über Gründe für Stress in Führungspositionen geschrieben. [beraterkreis.at]

Führungskräfte sollten ihre Antennen vor allem auf die Art der Kommunikation und den Umgang untereinander ausrichten. Lange bevor es zu stressbedingten Fehlern oder Ausfällen kommt, verändern sich die, in jedem Team individuell bestehenden Kommunikationsmuster auf drei verschiedenen Ebenen:

  • Inhaltlich: was wird gesagt oder nicht (mehr) gesagt
  • Emotional: wie wird es gesagt oder nicht (mehr) gesagt
  • Sozial: wer spricht mit wem und worüber bzw. wer spricht mit wem nicht mehr

Jede Führungskraft sollte das „Grundrauschen“ – also das normale Maß an Informationsweitergabe und Gesprächskultur – kennen und genau beobachten.


Jede Führungskraft sollte das Grundrauschen, also das normale Maß an Informationsweitergabe und Gesprächskultur kennen und genau beobachten. Ein guter Vergleich ist hierbei ein altes Radio.

Sucht man einen Sender, gibt es ein Grundrauschen. Kurz bevor man auf ein Sender trifft, verändert sich das Rauschen und wird entweder leiser oder lauter. Genau darauf sollten Führungskräfte achten. Dadurch erkennen sie Stressbelastungen im Team rechtzeitig und können gegensteuern.

Wie kann eine Führungskraft eigene Stress-Muster erkennen?

Reinhard Krechler, Leadership & Strategie Trainer

Reinhard Krechler, Leadership & Strategie Trainer

Mit Beraterkreis.at spezialisiert er sich auf das Training von Führungskräften und hat neben einem Online-Seminar für Führungskräfte, die kein klassisches Seminar besuchen können oder wollen auch ein eBook über Gründe für Stress in Führungspositionen geschrieben. [beraterkreis.at]

„Studien zeigen, dass 8 von 10 Führungskräften unter Stress stehen. Die meisten denken, dass es der Zeitdruck ist, der Stress hervorruft. Ich behaupte, dass Zeitmangel nicht das größte Problem von Führungskräften ist.


Das Problem sind unbewusste Verhaltensprogramme, die die Regie im Denken übernehmen und Führungskräfte in ihrem Handeln blockieren.


Vielmehr treten durch Zeit- und Erwartungsdruck tieferliegende, teilweise bereits in früher Kindheit erlernte Verhaltensmuster auf den Plan. Ich nenne diese die fünf Stressteufel.

Das Problem sind unbewusste Verhaltensprogramme, die die Regie im Denken übernehmen und uns im Handeln blockieren. Jeder kennt das: Man kommt abends heim und ist schlecht gelaunt, frustriert, fühlt sich ausgelaugt. Und eigentlich weiß man gar nicht so recht warum. Gerade das sollte man als Führungskraft hinterfragen.”

Bonus: Tipps unserer Experten für eine psychische Balance bei Führungskräften

1. Tipp von Gregor Heise zu psychischen Belastungen

„Psychische Belastungen vermeiden Sie, wenn Sie als Führungskräfte in erster Linie Ziele verfolgen, die mit Ihren eigenen Werten und Ihrem eigenen Selbst übereinstimmen. Daher ist es ratsam, Projekte, Ziele und Aufgaben immer wieder dahingehend zu überprüfen, ob sie „Herzensanliegen“ sind und diesen entsprechend Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen. Dadurch verhindern Sie sich fremdgesteuert zu fühlen.“

2. Tipp von Reinhard Krechler zur Reaktion in Stressmomenten

„Mehrmals tief durchatmen und in Stressmomenten bewusst auch mal nichts tun. Das ist oftmals besser als vorschnell zu reagieren. Denken Sie dabei an etwas Positives, z.B. wie wäre diese Situation, wenn es optimal laufen würde?“

3. Tipp von Sabine Prohaska zum positiven Effekt eines Lächelns

„Lachen baut nachweislich Stress ab und versetzt uns in eine angenehme, heitere und lockere Stimmung. In vielen Alltagssituationen können Sie selbst entscheiden, ob Sie darüber lachen oder sich ärgern. Wählen Sie doch ganz einfach den humorvollen Blick. Aber bedenken Sie dabei, dass das Thema Hierarchie bei Humor nicht unwesentlich ist. Unter Kollegen kann eine humorvolle Aussage erfrischend wirken. Wenn dieselbe Aussage von einer Führungskraft an einen Mitarbeiter gerichtet wird, bekommt sie einen anderen Charakter.“

4. Tipp von Christiana Scholz zur nachhaltigen Kompetenzentwicklung

„Nutzen Sie bisher ungenutzte Zeiten, um über bestimmte Situationen im Hinblick auf Ihre individuellen Kompetenzentwicklungsziele (z.B.: Selbst- und Beziehungsmanagement, Belastbarkeit oder Kommunikationsfähigkeit) nachzudenken. Bestenfalls machen Sie sich Notizen in Form eines „Lerntagebuchs“. Verzichten Sie dabei nicht auf die Reflexion Ihrer Emotionen und sprechen Sie darüber mit einer vertrauten Person oder einem Coach.“

Wir möchten allen Experten für Ihre Statements und die Teilnahme an diesem Artikel danken!